Digitale Produktpässe als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft:

Mit Innovation den digitalen Produktpass für mehr Wachstum nutzen

Innovationen für nachhaltige Geschäftsmodelle

Handelsblatt Circularity Gastbeitrag von Dr. Dina Barbian, Geschäftsführerin, eco2050 Institut für Nachhaltigkeit – Institute for Sustainability GmbH  aktualisiert

Der Digitale Produktpass (DPP) wird seit einigen Jahren auf EU-Ebene im Rahmen des EU Green Deal als ein Instrument zur Förderung der Kreislaufwirtschaft diskutiert. Er wird voraussichtlich im Jahr 2027 kommen und verbindlich für in Europa gehandelte Produkte sein. Dies schließt auch Produkte mit ein, die außerhalb Europas produziert wurden. Ausgenommen sind Nahrungs- und Futtermittel sowie medizinische Produkte. Durch den DPP sollen Daten entlang der kompletten Lieferkette zum Produkt gesammelt und in einer Datenbank gespeichert werden. Dies soll die Verfügbarkeit von Informationen über die Kreislauffähigkeit der Produkte verbessern und eine Transparenz entlang der Lieferkette schaffen. Auch die Nachnutzungsphase wird mitberücksichtigt, sodass bereits jetzt ein wachsender Reparaturmarkt prognostiziert wird, der den Produkten zu einer weiteren Wertschöpfung verhilft. Europa soll nach dem EU Green Deal in eine resiliente, kreislauffähige und zukunftsfähige Wirtschaft überführt werden. Der DPP wird hierbei als hilfreiches Instrument auf dem Weg zu kreislauffähigen Produkten gesehen. Für Unternehmen bietet sich zudem die Chance, neue Märkte zu erschließen oder auch kreislauffähige Produkte in ihre bestehenden Prozesse und Geschäftsmodelle zu integrieren, womit nachhaltige Innovationen in Unternehmen vorangetrieben werden.

Was ist die Historie zum Digitalen Produktpass?

Der Digitale Produktpass (DPP) ist ursprünglich eine Idee des Bundesumweltministeriums in Deutschland gewesen. Erst später wurde der DPP von der EU übernommen. Bereits im März 2020 war dieser als eine von 70 Maßnahmen in der Umweltpolitischen Digitalagenda des Bundesumweltministeriums genannt (s. Abb. 1) [1].

Abb. 1: Historie des DPP – Digitaler Produktpass (© eco2050 Institut für Nachhaltigkeit)

Im Juni 2021 kam es dann zu einem sogenannten Design-Sprint, infolgedessen ein Modell eines Produktpasses für das erste konkrete Produkt, nämlich die Batterie eines E-Autos, entwickelt wurde. Ein Jahr später wurde diese Idee von der EU aufgegriffen und in die „Sustainable Products Initiative (SPI)“ als Teil des sogenannten „Europäischen Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft“ integriert. Das Ziel war die Entwicklung einer Ökodesign-Richtlinie („Ecodesign for Sustainable Product Regulation (ESPR)“), die Mindestanforderungen an Produktdesign und -entwicklung nachhaltiger Produkte festlegen soll. Hauptziel ist die Förderung der Kreislaufwirtschaft, womit Produkte langlebiger, wiederverwendbar, reparierbar und recyclingfähig sein sollen. Die Verbesserung der Energie- und Ressourceneffizienz und eine Schaffung von Transparenz durch Digitale Produktpässe werden ebenfalls als Ziele genannt.

Am 30. März 2022 hat die EU-Kommission die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) vorgeschlagen und damit auch der Einführung eines DPP zugestimmt. Die ESPR als ein zentraler Bestandteil des Europäischen Green Deals ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten und muss nun von den Ländern in nationales Recht umgesetzt werden.

Umsetzung der Ökodesign-Verordnung (ESPR) in nationales Recht

In Deutschland wird die Ökodesign-Verordnung als Energieverbrauchsrelevante-Produkte-Gesetz (EVPG) – auch „Gesetz über die umweltgerechte Gestaltung energieverbrauchsrelevanter Produkte“ – in nationales Recht umgesetzt. Neben der Energieeffizienz sind eine Reihe an Vorgaben zu Kriterien vorgesehen, die in Zusammenhang mit den Zielen einer Europäischen Kreislaufwirtschaft stehen. Zur Kommunikation der Umwelteigenschaften der Produkte sollen EU-Energielabel und der „Blaue Engel“ den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine Hilfe bieten, um nachhaltige Produkte zu erkennen. Es ist geplant, die bisherige Energiekennzeichnung auf Produkten durch ein Ökodesign-Label zu ergänzen.

Artikel 18 der ESPR nennt folgende Produktgruppen, die zuerst adressiert werden: Eisen und Stahl, Aluminium, Textilien, Möbel, Reifen, Waschmittel, Anstrichmittel, Schmierstoffe, Chemikalien, Produkte der Informations- und Kommunikationstechnologie und sonstige Elektronikgeräte. Die produktgruppenspezifische Umsetzung soll weitgehend über die EU-Kommission erfolgen. Informationen zu den Produkten sollen durch die Einführung digitaler Produktpässe zugänglich gemacht werden.

Folgende Anforderungen an Produkte wurden durch die EU [2] beschlossen:

  • Verbesserung der Produkthaltbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Nachrüstbarkeit und Reparierbarkeit
  • Produkte energie- und ressourceneffizienter machen
  • Bekämpfung des Vorhandenseins von Stoffen, die die Zirkularität hemmen
  • Erhöhung des Rezyklatgehalts
  • Erleichterte Wiederaufarbeitung und besseres Recycling von Produkten
  • Festlegung von Regeln für den CO2-Fußabdruck und den ökologischen Fußabdruck
  • Verbesserung der Verfügbarkeit von Informationen über die Nachhaltigkeit von Produkten, einschließlich der Einführung eines DPP

Was ist der „Digitale Produktpass“?

Der digitale Produktpass ist ein Datensatz, der die Komponenten, Materialien und chemischen Substanzen oder auch Informationen zu Reparierbarkeit, Ersatzteilen oder fachgerechter Entsorgung für ein Produkt zusammenfasst. Die Daten stammen aus allen Phasen des Produktlebenszyklus und können in all diesen Phasen für verschiedene Zwecke genutzt werden (Design, Herstellung, Nutzung, Entsorgung) (s. Abb. 2). Der DPP wird auch Montageanleitungen, Benutzerhandbücher, Sicherheitshinweise und Anleitungen zur Wiederverwendbarkeit, Produktentsorgung und zur Energieeffizienz enthalten. Alle Informationen sollen mithilfe von Technologien wie QR-Codes, Blockchain oder Datenbanken abrufbar sein.

Abb. 2: Der Digitale Produktpass (© BMUV) [3]

Es gibt bereits Apps, die als ein erster Schritt zum DPP gesehen werden können. Dazu dienen „CodeCheck“ (Producto Check GmbH), „Yuka“ (Yuka Paris) und die App „ToxFox“ (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)).

CodeCheck ist eine mobile App, die Informationen zu den Inhaltsstoffen von Kosmetikprodukten oder den Zutaten und Nährwerten von Lebensmitteln anzeigt. Dies wird über die auf Produkten befindlichen Strichcodes oder eine Textsuche realisiert. CodeCheck bewertet mit Blick auf Umweltauswirkungen, soziale Verantwortung, Gesundheit oder Tierwohl. Auf einer Übersichtsseite zum gescannten Produkt werden Informationen zum Preis, zu bedenklichen sowie unbedenklichen Inhaltsstoffen und möglichen Alternativen angezeigt.

Die Yuka-App zeigt anhand verschiedener Kriterien an, wie gesund Lebensmittel und wie unbedenklich Drogerieartikel sind. Auch mit Yuka kann man den Barcode des Produkts scannen und erhält Informationen zu Inhaltsstoffen, Nährwerten, umweltfreundlichen und/oder gesünderen Alternativen.

Die von BUND entwickelte ToxFox-App analysiert gesundheitsschädliche Stoffe in vielen verschiedenen Produkten, z. B. in Kosmetik, Spielzeug, Möbeln, Teppichen, Sportschuhen, Textilien und elektronischen Geräten.

Vorteile eines DPP

Durch die Bereitstellung einer detaillierten digitalen Aufzeichnung des Lebenszyklus eines Produkts wird das Lieferkettenmanagement verbessert sowie die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften sichergestellt. Unternehmen erhalten Unterstützung, Risiken in Bezug auf Umweltauswirkungen ihrer Produkte oder eingekaufter Materialien zu identifizieren und zu mindern. Außerdem wird durch die Gesetzgebung eine Vernichtung von gebrauchsfähigen Produkten erschwert bzw. soll sogar komplett verboten sein. Es geht hier in erster Linie um Textilien und Schuhe. Damit ermöglicht die ESPR gleichzeitig eine Reduktion von Klimaemissionen, die direkt mit der Produktion neuer Produkte zusammenhängen, womit der DPP einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele leisten (insb. SDG 12 „Nachhaltige/r Konsum und Produktion“ und SDG 13 „Maßnahmen zum Klimaschutz“, s. Abb. 3).

Abb. 3: Die 17 UN Nachhaltigkeitsziele (SDGs) (© Vereinte Nationen)

Das Schließen von Kreisläufen in Wertschöpfungsketten ist insbesondere für Europa und auch für Deutschland notwendig, denn viele Rohstoffe sind hierzulande als kritisch einzustufen, weil diese entweder in Europa nicht vorkommen oder eine große wirtschaftliche Bedeutung haben. Die weltweit ungleiche Verteilung von Rohstoffen und die Konzentration der Rohstoffe auf wenige Förderländer führen dazu, dass die Versorgung mit Rohstoffen unsicherer geworden ist.

DPP gelten als Schlüsselelement für die Kreislaufwirtschaft, weil sie die Nachverfolgbarkeit von Materialien und Produkten verbessern, ein verantwortungsvolles Design, Produktion und Recycling fördern, den Austausch von Daten zwischen Herstellern, Verbrauchern und Recycling-Unternehmen ermöglichen, sowie die Effizienz in der Ressourcennutzung steigern. Damit unterstützen sie die Transformation zu einer zirkulären Wirtschaft, indem sie notwendige Informationen liefern, um Produkte und Materialien länger im Wirtschaftskreislauf zu halten.

DPP als Treiber der Kreislaufwirtschaft und für nachhaltige Geschäftsmodelle

Nachhaltige Geschäftsmodelle sind Strategien, die wirtschaftlichen Erfolg mit ökologischer und sozialer Verantwortung verbinden. Ein digitaler Produktpass fördert nachhaltige Innovationen, weil er neue Geschäftsmodelle ermöglicht, wie Product-as-a-Service (z. B. Leasing statt Kaufen), Unternehmen unterstützt, ihre Lieferketten transparenter und effizienter zu gestalten, Märkte für reparierte, recycelte oder wiederaufbereitete Produkte schafft, sowie Verbraucher motiviert, nachhaltigere Kaufentscheidungen zu treffen. Nachhaltige Geschäftsmodelle fußen auf Geschäftsideen, die einen Beitrag für Umwelt und Gesellschaft leisten. Sie begründen ein Geschäft, welches auf den Prinzipien der Nachhaltigkeit aufbauen und diese ins Unternehmerische übersetzt. Nachhaltige Geschäftsmodelle orientieren sich an den Grundsätzen der nachhaltigen Entwicklung und der Umsetzung der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (17 Ziele, SDGs, Sustainable Development Goals (s. Abb. 3)).

Dabei bedeutet eine Kreislaufwirtschaft weg von einer linearen hin zu einer zirkulären Wertschöpfung. Kreisläufe dienen dem Umwelt- und Klimaschutz. Es gibt hier zwei wesentliche Vorteile für die Umwelt: Weniger Rohstoffe werden der Erde entnommen, weniger Abfälle gelangen in die Umwelt. Kreisläufe führen zu Ersparnissen und damit zu positiven ökonomischen und ökologischen Effekten.

Fazit

Der digitale Produktpass ist ein zentrales Werkzeug, um die Vision einer Kreislaufwirtschaft zu verwirklichen. Er schafft Transparenz, Effizienz und Innovation, um nachhaltige Geschäftsmodelle zu fördern und Ressourcen zu schonen. Damit wird er zu einem wichtigen Baustein für eine umweltfreundlichere und ressourceneffiziente Wirtschaft der Zukunft.

Eine Kreislaufwirtschaft bietet sowohl ökonomische als auch ökologische Nutzenpotenziale. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist das Zusammenspiel wichtiger Akteure und eine Umgestaltung des Produktes notwendig. Der DPP bildet eine gute Basis zur Unterstützung einer Kreislaufwirtschaft. Gerade bei den kritischen Rohstoffen sind die Preise auf den Weltmärkten stark geschwankt und oft besteht eine Abhängigkeit von nur einem oder wenigen Abbauländern, sodass die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft in jedem Fall sich auch finanziell lohnen würde.

Dr. Dina Barbian, Geschäftsführerin, eco2050 Institut für Nachhaltigkeit – Institute for Sustainability GmbH, Nürnberg

Referenzen:

[1] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) (o.J.), Die umweltpolitische Digitalagenda. URL: https://www.bmuv.de/umweltpolitische-digitalagenda/die-umweltpolitische-digitalagenda(abgerufen am 16.12.2024)

[2] Europäische Kommission (2024), Ecodesign for Sustainable Product Regulation. URL: https://commission.europa.eu/energy-climate-change-environment/standards-tools-and-labels/products-labelling-rules-and-requirements/ecodesign-sustainable-products-regulation_en?prefLang=de&etrans=de (abgerufen am: 19.12.2024)

[3] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) (o.J.), Ein Pass für den gesamten Produktkreislauf. URL: https://www.bmuv.de/umweltpolitische-digitalagenda/so-funktioniert (abgerufen am: 19.12.2024)

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Bild von Nadin-Shirin Zimmermann

Nadin-Shirin Zimmermann

Über 20 Jahre Erfahrung in globalen Konzernen, Mittelstand und Start-ups haben mich geprägt: von internationalem Produktmanagement über den Aufbau eines eigenen Tech-Start-ups bis zur Entwicklung nachhaltiger Transformationsstrategien. Gemeinsam mit einem Expertennetzwerk treibe ich die Transformation zu einem zirkulären Wirtschaftssystem voran. In meinen Executive Studies an der Harvard University zu Circular Economics und Impact Innovation habe ich zudem ein breites Spektrum an Möglichkeiten erlernt. Mein Engagement als Mentorin, Business Angel und Jurorin erweitert den Blick auf die Innovationslandschaft und zeigt Wirkhebel als auch die Fallstricke.

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